Archive for Juli 2010

Erkenntnisse der Loveparade Katastrophe

Juli 26, 2010
  • Niemand hat Schuld! Auf der am Sonntag ab 12 Uhr abgehaltenen Pressekonferenz (u. A. nTV und ARD übertrugen) warfen Duisburgs Bürgermeister Adolf Sauerland, Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe, Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller sowie Duisburgs Stellvertretender Polizeipräsident mit Ausreden um sich, dass es nur so in den Ohren klingelte. Am dreistesten war dabei Sauerland, der sogleich „individuelle Fehler“ für das Unglück verantwortlich machte, auf alle weiteren Fragen, etwa wie man die lange im Vorfeld publik gewordenen Warnungen, die Großveranstaltung nicht auf dem viel zu kleinen Bahnhofsgelände von Duisburg stattfinden zu lassen, aber nur mit Schweigen antwortete. Er kenne „die Fakten“ noch nicht. Bis auf die Tatsache natürlich, dass allein individuelles Versagen (der Einsatzkräfte?) als Ursache auszumachen sei. „Scheiße rollte eben immer den Berg hinunter, nicht hinauf“, wird sich Sauerland gedacht haben, der dann zum Glück bei seinem abendlichen PR-Besuch an der Unglücksstelle von einigen Trauernden so lange mit Müll beworfen wurde, bis er fluchtartig das Gelände verlassen musste. Ich meine: Ziegelsteine hätten es auch getan.
  • Bereitwillig, so Sauerland auf der PK, habe man (wohl aus gutem Willen und/oder Nächstenliebe) den Ermittlungsbehörden alle eigenen Unterlagen zur Loveparade „überlassen“. Auf deutsch übersetzt: Es gab eine Hausdurchsuchung im Duisburger Rathaus, was rein vom rechtlichen Gesichtspunkt betrachtet, schon eine recht deutliche Sprache spricht, wo unter anderem jene angesprochenen Ermittlungsbehörden einen der Hauptschuldigen vermuten.
  • „Es war keine Massenpanik!“ weiß stellv. Polizeipräsident Detlef von Schmeling. Diese etwas unsinnig anmutende Erkenntnis wird er ebenso exklusiv gewonnen haben, wie die Antwort auf die Frage, was das eigentlich zur Sache tut. Wer den Zynismus in von Schmelings Aussage findet, gewinnt eine Polizeiuniform der Stadt Duisburg.
  • „Es war eine gerechte Strafe Gottes!“ behauptet gar Johanns B. Kerners Busenfreundin Eva Hermann in ihrer irgendwo zwischen „anstößig“ und „ekelerregend“ rangierenden Diffamation der in Duisburg Verstorbenen. Die wichtige Erkenntnis hinter ihrem, von fortgeschrittenem Realitätsverlust zeugenden, Artikel ist allerdings eine andere. Frau Herman, die mittlerweile für den Kopp Verlag ihre Weisheiten zu Themen wie Mutterschutz, Autobahnen oder das jüngste Gericht publiziert, ist bei dem, für alle Arten von Extremismus und Fremdenfeindlichkeit bekannten, Unternehmen, endlich auf fruchtbarem Boden gelandet und darf die Bälle jetzt von ganz weit rechts außen in den Strafraum flanken. Ich gratuliere….nicht, da Frau Hermanns geschmacklose Rassismen wohl selbst dem neuen Arbeitgeber ein wenig zu weit an der Wahrheit vorbei gingen. Der Artikel ist mittlerweile gelöscht. Was wohl die nächste Karrierestation der Eva H. sein wird? Dynamo Dresden soll ja noch ein paar Hooligans suchen….
  • Es wird in Zukunft keine Loveparade mehr geben, so Rainer Schaller. „Aus Respekt vor den Opfern.“ Oder natürlich, weil das finanziell arg angeschlagene Festival spätestens seit dem Desaster in Duisburg bankrott sein dürfte. Zumindest war man, nachdem Schallers Fitnesskette Mc Fit, gleichzeitig Hauptsponsor der Tecnoparade, der Veranstaltung mit gut 3 Mio. Euro aushelfen musste, damit diese überhaupt finanzierbar war, ein beträchtliches Risiko eingegangen, um das Festival ein weiteres Mal vor dem Aus zu retten. Nur logisch erschien es da, dass man trotz aller warnenden Stimmen massiven Druck auf die Verantwortlichen der ebenfalls finanziell vor dem großen Nichts stehenden Stadt Duisburg ausübte, die aufgrund ihrer eigenen Situation wohl nur allzu gerne nachgaben. „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt“ war wohl das Motto dieses gemeinsamen finanziellen Selbstrettungsversuchs. Das Ergebnis ist bekannt.

„Erwartungen erfüllt“…

Juli 22, 2010

…muss ich leider sagen. Ein Pamphlet.

Wer vor dem „Freundschaftsspiel“ der beiden türkischen Erzrivalen Galatasaray und Fenerbahce in Mönchengladbach eher gemischte Gefühle hatte, wurde am gestrigen Abend vollauf bestätigt. Spieler wurden mit Gegenständen beworfen, eine junge Frau trug schwere Verbrennungen durch einen Feuerwerkskörper davon; zeitweise stand das Spiel kurz vor dem Abbruch (nachzulesen unter anderem auf Goal.com, wo der weise Christoph Vogel von den Vorfällen berichtete).

Da fragt man sich unwillkürlich: Sind das noch Fans? Kann ich als Fußballfan solch einem Verein noch mit Sympathie begegnen? Wer die Berichterstattung deutscher Medien über Ausschreitungen gerade türkischer oder italienischer Fußballanhänger in den letzten Jahren verfolgt hat, kommt nicht umhin, zu bemerken, dass unsereins gerne mit den Fans von Fenerbahce oder Lazio Rom eine Spur kritischer umgeht, als mit den Schlägern von z.B. Hansa Rostock, die unlängst die halbe Düsseldorfer Innenstadt in Schutt und Asche legten. Dennoch fallen mir, wenn ich an den türkischen Ligakrösus denke, spontan mehrere Vorfälle ein, die ich, unabhängig von meiner Abneigung gegen Hansa bzw. Teile seiner Anhängerschaft, in aller Schärfe verurteilen muss. Der gestrige Abend ist da ein Beispiel, auch die unfassbaren Reaktionen auf die geplatzte Meisterschaft in der vergangenen Saison sowie die Ausschreitungen wiederum im Rahmen eines Freundschaftsspiels gegen Waldhof Mannheim anno 2004 (um was ging es da noch gleich?!). Vitali Klitschko wird sich noch erinnern, trainiert er doch seitdem angeblich Volkan Demirels Schlagkombination gegen Waldhof Manager Gaudino.

Halten wir uns jedoch nicht mit unwichtigen Einzelfällen auf, sondern betrachten wir einmal nur das besagte Saisonfinale 2010. Da kauft man mit viel Geld eine recht schlagkräftige Truppe zusammen, mit der Ultras wie Neckermänner eigentlich hoch zufrieden sein dürften. Teure Talente versprechen attraktiven und mittelfristig erfolgreichen Fußball und die Bindung der Fans an ihren Verein scheint unter dem hohen Ausländeranteil des Teams nicht gelitten zu haben, wenn man dem glaubt, was Fener-Fans nur allzu gerne von ihrem Verein erzählen. Mit Christoph Daum wurde schließlich ein bei der Anhängerschaft bis dahin äußerst beliebter Trainer verpflichtet. Alles in Ordnung, im Staate Fener, möchte man sagen. Nun verpasst dieses vermeintliche Starensemble am letzten Spieltag auf spektakuläre Art und Weise die Meisterschaft und das nicht, weil der Stadionsprecher den falschen Spielstand ansagte. Mal ehrlich, wer das Spiel zumindest auszugsweise verfolgt hat, wird nicht leugnen können: Die Chancen hatten sie.

Nun gibt es aber diese Tage, wo der Ball einfach nicht rein will und in letzter Sekunde wird man dann doch überholt. Das ist tragisch, wie magisch, wenn man mich fragt, denn gerade diese verrückten Spiele machen den Fußball doch so interessant. Hätte die Anhängerschaft von Fenerbahce nur ansatzweise Charakter und Klasse bewiesen und sich dem tragischen Versagen ihrer Helden entsprechend verhalten, ein bisschen mehr vom Stolz der Fans von z.B. Leverkusen oder ja, ich gebe es zu, Schalke gezeigt – das Spiel wäre wohl in positiver Hinsicht unvergesslich geworden. Gerade die besonders bitteren Niederlagen sind es doch, die einen „guten“ Fan ausmachen. Kopf hängen lassen, weinen, Bier trinken, aufrappeln, weitermachen. Und dann den Kindern und Enkeln berichten: Ich war dabei, damals 2001, als wir dachten, wir sind Meister und dann geht der Schober mit der Hand an den Ball (ja, das musste ich jetzt sagen!). Was jedoch werden all jene ihrem Nachwuchs berichten, die nach dem Saisonfinale gegen Trabzonspor randalierten? „Gut, wir sind der reichste Klub der Türkei, waren in den letzten 10 Jahren 8 Mal unter den besten 2, aber nachdem wir diesmal nicht Meister geworden sind, musste wir leider das Stadion auseinandernehmen“?

Ja, ich mache die Reaktionen der Fans nach einem solchen Drama zur Charakterfrage, ja ich werde polemisch und ja, ich schließe von mir auf andere. Was sollen die Schalker und Leverkusener sagen, ob all der vergeigten Chancen zur Meisterschaft? Was die Bochumer zu den ständigen Auf- und Abstiegen ihrer Mannschaft? Was ist mit all denen, deren Verein vor dem finanziellen Aus steht?

Wut, Frust, Enttäuschung sind jedem echten Fan gut bekannt. Sie mit Würde und Anstand zu ertragen jedoch, das macht den (mAn) „wahren“ Fan aus. Sicher, ich erwähnte es eingangs, auch deutsche Fußballfans sind z.T. mit großer Vorsicht zu genießen, aber es gibt einen Unterschied zwischen Kategorie B und C Fans und einem ganzen Stadion, dass sich plötzlich in einen wilden Mob verwandelt. Wegen einer knapp vergebenen Meisterschaft?! Bitte! Wenn sie sang- und klanglos 12. geworden wären, dann hätte ich das ja noch halbwegs verstehen können. Aber so ein tragischer Fight, den man am Ende durch eigene Dummheit und viel, viel Pech verliert – das hat doch auch etwas Heroisches! Oder besser: Hätte haben können.

Sahen die Fans von Fenerbahce wohl anders. Nur gut, dass der Verein in FIFA Fußball Manager 2011 – Manier zu kommenden Saison wieder (gefühlt) jedes ausländische Talent gekauft hat, das mit Geld und gutem Willen zu einem Wechsel zu bewegen war. So diskutiert der internetaffine Teil der Anhängerschaft schon seit Wochen wieder ausschließlich darüber, wer wohl als nächstes geholt wird. Ronaldinho, Hazard, gar Dolph Lundgren himself?! Ich kann nur hoffen, dass man in diesem Jahr mit 18 Punkten Abstand zum Zweitplatzierten die Liga als Meister abschließt, sonst geht wohl eine Atombombe im Stadion hoch.

Auch wenn ich diesen überladenen Begriff zutiefst verabscheue, aber Fanehre sieht für mich anders aus. Bitte schämen.

Uhaha